Unsere Anfragen in der BVV

Einsamkeit unter Jugendlichen, jungen Erwachsenen und Senior:innen in Charlottenburg-Wilmersdorf: Was tut das Bezirksamt?

Anne Zetsche

Schriftliche Anfrage BV Zetsche vom 06.02.2026, Antwort vom 17.03.2026

Zu der oben genannten Schriftlichen Anfrage nimmt das Bezirksamt wie folgt Stellung:

1. Welche Erkenntnisse aus den letzten 10 Kalenderjahren liegen dem Bezirksamt zur Einsamkeitsbelastung Jugendlicher, junger Erwachsener unter 30 Jahren und Senior:innen im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf vor? (Bitte aufschlüsseln nach Datengrundlage, absoluten und prozentualen Zahlen, Auswirkungen, Erhebungszeitraum und untersuchten Altersgruppen).

Im Jahr 2023 fand im Rahmen der Prävention von Kinder- und Familienarmut einer Familienbefragung zur Kenntnis und Inanspruchnahme von bezirklichen Unterstützungsangeboten statt. In dem Zusammenhang wurden auch Einflussfaktoren wie Einsamkeit erhoben. Bei der Befragung wurden Eltern mit Kindern im Alter von 0 - 18 Jahren in bestimmten bezirklichen Planungsräumen befragt, die unter sowie über 30 Jahre alt waren. Auf die in der Frage konkret genannten Zielgruppen kann daher keine Aussage getroffen werden. Andere Daten liegen nicht vor. 

Eine Übersicht über Erkenntnisse, Studien und quantitative Erhebungen zur Einsamkeitsbelastung junger Menschen liegt dem Jugendamt nicht vor. In der Befragung Kinder und Jugendlicher im Rahmen des Beteiligungsverfahren zum Jugendförderplan 2026-2029 wurde das Thema Einsamkeitsbelastung durch die Befragten nicht genannt. 

Die Abteilung Bürgerdienste und Soziales hat mitgeteilt, dass von Januar bis Februar 2020 eine Befragung unter älteren Menschen ab 60 Jahren durchgeführt wurde. Das Ergebnis: 

Die überwiegende Mehrheit (62 %) der Menschen 60+ fühlte sich selten oder nie einsam. Rund 8 % antworteten auf die Frage, wie oft ihnen die Gesellschaft anderer fehle, sie fühlten sich sehr oft oder oft einsam. Link zur Befragung. 

2. Welche konkreten Partizipationsformate gibt es im Bezirk, um junge Menschen und Senior:innen in die Strategieentwicklung, Planung und Umsetzung von Maßnahmen zur Bekämpfung von Einsamkeit einzubeziehen und zielgruppengerechte und nachhaltige Lösungen zu entwickeln? Bitte aufschlüsseln nach Maßnahme, Projektdauer, Förderungshöhe durch den Bezirk, Anzahl beteiligter Jugendlicher, junger Erwachsener und Senior:innen sowie Evaluationsrhythmen.

Die Beteiligung junger Menschen in die Entwicklung, Evaluation und Weiterentwicklung von Angeboten gilt als Querschnittsthema der Kinder- und Jugendhilfe in Charlottenburg-Wilmersdorf. 

Folgende Formate dienen explizit dem Zweck der Kinder- und Jugendbeteiligung und bieten jungen Menschen die Möglichkeit, Themen der Einsamkeitsbekämpfung in die bezirkliche Angebotssteuerung einzubringen: 

  • Kinder- und Jugendjury

  • Kinder- und Jugendparlament 

  • Beteiligungsbüro

  • Projekt Kinder- und Jugendbeteiligung

Die Abteilung Bürgerdienste und Soziales hat mitgeteilt, dass die Seniorenvertretung sich auch diesen Themen widmet. Zudem ist im Herbst 2021 das Projekt Berliner Hausbesuche gestartet. 

Seit 2023 gibt es die sog. „Plauderbänke“, initiiert von der SPK und der Freiwilligenagentur des Bezirkes. Darüber hinaus legt auch die Freiwilligenagentur bei der Vermittlung ehrenamtlicher Helfer im Engagement und bei der Betreuung der Vermittelten Wert auf Feedback und Dankeschön-Kultur in vielfältigen Angeboten, die auch der Vernetzung von Senioren dient. 

Einmal im Monat findet eine Kaffeetafel statt, in der die Senioren ab 80 Jahren und Ehejubilare in Rathaus von der Bürgermeisterin und der Sozialstadträtin eingeladen werden. 

Weiterhin wird auf das Seniorenprogramm des Bezirkes, welches die Vierteljahresprogramme für Senioren enthält und auch online abrufbar ist (www.berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/verwaltung/aemter/soziales/senioren/artikel.1429417.php), wie auch auf die Instagram-Posts und auf den Schaukasten im Erdgeschoss des Rathauses Charlottenburg in der Otto-Suhr-Allee 100 hingewiesen.

3. Welche spezifischen Maßnahmen, Projekte und Verfahren zur Bekämpfung von Einsamkeit unter Jugendlichen, jungen Erwachsenen und Senior:innen existieren derzeit im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf? Bitte aufschlüsseln nach Maßnahme, Projektdauer, Förderungshöhe durch den Bezirk, geschätzter Anzahl erreichter Jugendlicher & junger Erwachsener sowie Evaluationsrhythmen.

Es ist davon auszugehen, dass das Angebotsspektrum des Jugendamtes einen erheblichen Beitrag zur Einsamkeitsbekämpfung im Bezirk leistet. Insbesondere die Angebote der Jugendarbeit nach § 11 SGB VIII sowie die Angebote der Familienförderung nach § 16 SGB VIII zielen stark auf gemeinschaftliche Aktivitäten ab und leisten damit einen Beitrag zur Einsamkeitsbekämpfung. 

Es existieren jedoch keine Maßnahmen, Projekte oder Verfahren, die die Bekämpfung von Einsamkeit junger Menschen explizit als Angebotsziel ausweisen. 

Die Abteilung Bürgerdienste und Soziales hat mitgeteilt, dass das bezirkliche Projekt Berliner Hausbesuche gemeinsam mit dem Malteser Hilfsdienstes von der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege gefördert wird. Es unterstützt Menschen ab 70 Jahren dabei, ein aktives und selbstbestimmtes Leben zu führen. Ziel der präventiven Besuche ist es, die Lebensqualität zu erhalten, zu verbessern und Pflegebedürftigkeit hinauszuzögern. Ältere Menschen werden von sogenannten Lotsinnen besucht und mit wichtigen Informationen zu verschiedenen Themen wie Gesundheit, Pflege, Freizeitgestaltung, Sport für Ältere, altersgerechtes Wohnen oder ökonomische Hilfestellungen versorgt.

Bei Bedarf stellen die Lotsinnen und Lotsen der Malteser auch den Kontakt zu passenden Beratungsstellen, Institutionen und Ansprechpartnern her. Der Besuch ist kostenfrei. Senioren, die nicht in ihrem Zuhause besucht werden möchten, können auch einen Außentermin mit dem Lotsenteam der Malteser vereinbaren. Alle Lotsinnen und Lotsen sind Fachkräfte aus dem Sozial-, Pflege- oder Gesundheitsbereich und gehen individuell auf die Fragen und Interessen der Besuchten ein. Auf Wunsch sind auch telefonische Informationsgespräche möglich.

Das "Netzwerk Zukunftsmut 60+" der NBS Netzwerk für Bildung und Soziales Beratung 60+ und Vernetzung 60+ am Standort Salzufer 14 a und unterwegs in Charlottenburg-Wilmersdorf.

Geboten werden:

  • Kostenfreie Beratung 60+ zu Themen wie Teilhabe und Aktivitäten in Charlottenburg-Wilmersdorf

  • Beratung zu Zuverdienst

  • (Job-) Coaching 60+

  • Der Weg ins Ehrenamt: Wie geht man vor, und was sollte man bedenken?

Auch das bereits erwähnte Projekt Plauderbänke ist ein wichtige Maßnahme zur Bekämpfung von Einsamkeit. Wer Platz nimmt, signalisiert: „Ich habe Lust auf ein Gespräch.“ Andere Menschen können sich dazusetzen, um ins Gespräch zu kommen – ganz ohne Verpflichtung oder Termin. Wer sicherstellen möchte, dass jemand zum Plaudern da ist, kann die Bänke zu festgelegten Zeiten besuchen. Dann sitzen dort Ansprechpersonen, die sich auf Gespräche mit Interessierten freuen. Ein Fahnenaufsteller signalisiert zu den Zeiten die Gesprächsbereitschaft vor Ort. Das Projekt läuft bereits 3 Jahre, jeweils von Frühjahr bis Herbst.

4. Gibt es spezifische Angebote, die die kulturelle und sprachliche Vielfalt der jungen sowie der älteren Zielgruppe (Jugendliche, junge Erwachsene, Senior:innen) berücksichtigen (interkulturelle Programme, mehrsprachige Angebote)?

Die Kinder- und Jugendhilfe verfolgt grundsätzlich das Ziel, ihre Angebote barrierefrei und offen zu gestalten, um alle jungen Menschen im Bezirk zu erreichen und anzusprechen. Dabei wird eine vielfältige und abwechslungsreiche Angebotslandschaft geschaffen. Die Förderung von unter anderem Chancengleichheit, Inklusion und Partizipation sind als Querschnittsthemen der Kinder- und Jugendhilfe zu nennen.

Es gibt Angebote, die spezifische Diversity-Aspekte – wie Mehrsprachigkeit oder kulturelle Vielfalt – explizit adressieren. Hierzu zählen unter anderem:

  • Die Familienzentren in Charlottenburg-Wilmersdorf (mehrsprachige Ausrichtung); speziell das Familienzentrum Ulme 35 arbeitet interkulturell.

  • Die aufsuchende Elternhilfe der Navitas gGmbH im Rahmend der Familienförderung (mehrsprachige Begleitung und Unterstützung für Familien)

  • Der Naya Mädchenladen im Rahmen der Jugendförderung

Die Abteilung Bürgerdienste und Soziales hat mitgeteilt, dass das Projekt Kulturbrücke Sprachcafés anbietet, die vom Bezirk mit Ehrenamtlichen und den Räumlichkeiten gefördert werden. Es unterstützt neu zugewanderte Menschen aus dem Ausland, sich in Berlin besser zurecht zu finden. Der Fokus liegt auf der Vermittlung der deutschen Sprache in Lern- und Sprachcafés, Kleingruppenunterricht, Einzelnachhilfe. Es werden aber auch gemeinsame Feste gefeiert, Ausflüge unternommen, Tischtennis im Garten gespielt oder Unterstützung bei Behördengängen und ähnlichen Anliegen gegeben.

Im Nachbarschaftshaus am Lietzensee wird eine Esperantogruppe seit Jahrzehnten gepflegt und vom Bezirk gefördert. 

5. Falls keine spezifischen Maßnahmen für junge Menschen unter 30 Jahren und/ oder für Senior:innen bestehen, welche Pläne verfolgt das Bezirksamt, um entsprechende Angebote zu entwickeln und umzusetzen?

Die Angebotsentwicklung erfolgt auf Grundlage der Feststellung eines entsprechenden Bedarfs. Hierzu ist unter anderem die beschriebene Beteiligung der Zielgruppe, eine Analyse der Angebotsstruktur sowie eine Abwägung verschiedener Prioritäten erforderlich. 

6. Wie bewertet das Bezirksamt die Wirksamkeit der bestehenden oder geplanten Maßnahmen zur Bekämpfung von Einsamkeit unter Jugendlichen, jungen Erwachsenen und Senior:innen? In welchen Zyklen finden unter Beteiligung welcher Personen oder Strukturen nach welchen Kriterien Evaluationsrunden statt?

Das Thema Einsamkeit wird bei allen Formaten für Senioren mitgedacht.

7. Wie plant das Bezirksamt, die Zusammenarbeit zwischen Jugendhilfe, Bildungseinrichtungen und sozialen Trägern zu intensivieren, um Jugendeinsamkeit nachhaltig zu bekämpfen?

a) In welcher Höhe werden aus welchen Titeln aktuell Gelder hierfür bereitgestellt?

b) Wie hat sich die Mittelzuweisung hierfür in den letzten 10 Kalenderjahren verändert?

c) Inwieweit verlässt sich das Bezirksamt bei der Umsetzung von Projekten gegen Jugendeinsamkeit maßgeblich auf ehrenamtliches Engagement? Welche Maßnahmen sind vorgesehen, um Risiken durch Ehrenamtsengpässe abzufedern (z. B. Vertretungsregelungen, Qualifizierungsangebote, Verstetigung hauptamtlicher Stellen)?

Siehe Frage 3 und 5.

8. Welche Rolle spielt die Freiwilligenagentur Charlottenburg-Wilmersdorf bei der Förderung von freiwilligem Engagement zur Unterstützung einsamer junger Menschen sowie Senior:innen?

Die Freiwilligenagentur hat 3 Säulen: den Gratulationsdienst, die Ehrenamtsvermittlung und das Junge Engagement. Letztes richtet sich insbesondere an Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 14 - 27 Jahren im Bezirk. Es spricht die Altersgruppe mit verschiedenen Angeboten und Events an und begeistert sie für freiwilliges Engagement. Dazu gehört auch die Beratung und Begleitung von jungen Menschen bei ihrem Einstieg in freiwilliges Engagement. Das Junge Engagement informiert die Öffentlichkeit auf verschiedenen analogen und digitalen Kanälen über zivilgesellschaftliches Engagement im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf und macht damit das Thema Bürgerschaftliches Engagement und die Aktivitäten aus diesem Bereich im Bezirk bekannter. Auf diesem Wege werden auch noch nicht vernetzte und Einsame recht gut erreicht und eingebunden. 

Für Erwachsene und Senioren gilt im Prinzip dasselbe. Sie werden sowohl bei Öffentlichkeitsarbeit, auf Veranstaltungen und im Speeddating in der Öffentlichkeit angesprochen und zum Mitmachen angeregt. Aber auch einsame Menschen werden durch Ehrenamtliche der Gratulationsdienstes, durch mobile Angebote der Bibliotheken in Heimen oder zu Hause aufgesucht. 

9. Mit welchen konkreten Maßnahmen wurde in den Jahren 2023, 2024 und 2025 für die Öffentlichkeitsarbeit der Projekte gegen Jugendeinsamkeit sowie Einsamkeit von Senior:innen durch die Bezirksebene unterstützt? Bitte aufschlüsseln nach Produkt/Zeitpunkt/Mittelhöhe.

Siehe Frage 2 und 3.

10. Welche Maßnahmen ergreift der Bezirk, um die Bekanntmachung und die Erreichbarkeit der Informationen über vorhandene Treffpunkte und Angebote für junge Menschen sowie Senior:innen in Charlottenburg-Wilmersdorf zu verbessern? Existieren Informationskampagnen oder digitale Plattformen, die speziell auf diese Zielgruppen ausgerichtet sind?

Die Bekanntmachung der Angebote und Projekte der Kinder- und Jugendhilfe erfolgt vorrangig über träger-/projektinterne Öffentlichkeitsarbeit, die sich am Nutzungsverhalten der jungen Menschen orientiert.

Alle 3 Monate erscheint das Seniorenprogramm, welches in Seniorenclubs, Nachbarschaftshäusern, Arztpraxen, Apotheken, im Bezirksamt etc. ausgelegt ist und verschickt wird. Zudem liegt es auf der Webseite des Bezirksamts in digitaler Form vor. Auch die Seniorenvertretung bewirbt es auf ihrer Webseite. 

Im Schaukasten im Rathaus Charlottenburg gibt es Informationen für Senioren. Zudem arbeiten das Junge Engagement und die gesamte Freiwilligenagentur mit der Fachanwendung Freinet. Dort werden auch neue Engagement-Angebote oder Veranstaltungen veröffentlicht. 

Im Rahmen der Berliner Hausbesuche werden jeweils die nach Alterskohorten gestaffelt alle Senioren angeschrieben und können so von sich aus, Kontakt aufnehmen, damit Hausbesuche vereinbart werden können. 

Mit freundlichen Grüßen                  

Simon Hertel

Abteilung Jugend und Gesundheit